Arbeit an der Figurengruppe "die Unbrauchbaren"
Aufstellung der Figurengruppe "Ecce Homo" vor dem Stift Wilten in Innsbruck
21.02. - 07.04.2012
Kunstmesse "Art Karlsruhe" mit der Galerie Goethe
07. - 11.03.2012
"Art Austria", Wien, Leopoldmuseum, mit Galerie Maier
09. - 13.05.2012
Einzelausstellung, Galerie Maier, Innsbruck
19.05. - 17.06.2012
Anvidalfarei ist einer der wenigen großen Darsteller des menschlichen Körpers, den er, ähnlich wie der Engländer Lucian Freud, in seiner jeweiligen machtvollen Leiblichkeit erfährt. Er ist bei seinem Vorgehen weder Idealist oder, wenn man die Tradition des 20. Jahrhunderts betrachtet, einer strengen Form zugeneigt, sondern entwickelt aus der Beobachtung seines Gegenübers ein Gefühl für die materielle Schwere bei gleichzeitiger "Feier des aufrechten Gangs".
Prof. Peter Weiermair | Direktor der Galleria d'Arte Modema, Bologna
(...) Doch woran entzündeten sich die Debatten um Anvidalfareis Kunst? Die Antwort liegt auf der Hand – es ist seine Obsession von Körperhaftigkeit mit all ihren Implikationen, es ist seine offensichtliche Lust am Auskosten der Körperfülle und –oberflächen, die das Publikum unbewusst spürt und die auf eine bedrohlich erscheinende unbekannte Dimension hinter und unter unserer entsinnlichten Alltagswelt hinweist:
Anvidalfarei ist keineswegs zu abstrakt oder zu wenig realistisch, was traditionalistische Kreise üblicherweise den zeitgenössischen Objektkünstlern vorwerfen. Nein, Anvidalfarei ist genau das Gegenteil davon – er ist zu wahrhaftig, zu intensiv, zu lebendig, als dass man davon unbehelligt bleiben könnte. Seine sinnliche Botschaft spricht jeden an, ganz unmittelbar, ganz unausweichlich, vollständig presänt im Hier und Jetzt. Und das ist der wahre Kern so vieler Kunstkonflikte – wahre Kunst beunruhigt, weil sie in unserer synthätischen und unverbindlichen Lebenswelt durchaus störend wirkt, weil sie auf Hinter- und Untergründiges hinweist, dessen lustvolle Kultivierung die gesellschaftlich verordnete Zwangsruhe ein wenig ins Wanken brächte. (...)
Matthias Boeckl
Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal Skulpturen und großformatige Zeichnungen des ladinischen Künstlers Lois Anvidalfarei in der Innsbrucker Galerie Maier kennengelernt habe, fielen sie mir gleich auf.
Es war die intensive körperliche Gegenwart dieser Figuren nicht in dem Sinne als jede Skulptur, insbesondere die Bronzeskulptur, eine starke physische Präsenz vermittelt, sich mit dem Betrachter auf die eine gemeinsame Stufe der dreidimensionalen „Dinge" stellt, sondern vielmehr in der Verweigerung der Transzendenz wie sie Matthias Boeckl als Eigenart des Künstlers charakterisiert, hat. Dieses Insistieren am Diesseitigen ohne falschen Realismus ist ein Charakteristikum seines Werks.
Nun hat der Begriff des Mangels etwas Negatives, auch vielleicht das Klima des Physischen, der „Stallgeruch", der des von der Schwerkraft bestimmten Menschen, der in seiner Figuration keinem Schönheitsideal folgt. Jedoch diese Figuren sind wahr, nicht übersteigerte, komische Verzerrungen der wirklichen Physis wie bei den Figuren des lateinamerikanischen Künstlers Botero.
Die gesteigerte Körperlichkeit dieser schweren Menschen, ihrer Köpfe, der Torsi oder einzelner Gliedmaßen, die wie in einer Selchkammer aufgehängt scheinen und Tierhaftes, Konnotationen von Folter und Relikt überblenden, verbindet ihn und darin ist er ungemein modern, ja aktuell mit einer Reihe malender Zeitgenossen, denen es allen um eine neue intensive, existentiell interpretierte Körperlichkeit geht.
Der Körper wird hier nicht reduziert und schrumpft auf Grund des Drucks von außen wie bei Giacometti auf ein Minimum. Der Körper besetzt den Raum.
Die gewaltigen Körpermassen eines nackten Modells etwa wie bei Lucian Freud sind „belebt". Der Körper des Menschen und dies gilt für die unterschiedlichsten, medialen Auseinandersetzungen heute, ist das Schlachtfeld unterschiedlichster Künstler. Die Themenliste reicht von Fragen der Geschlechtsidentität bis hin zu Gefährdungen durch neue Krankheiten und die Vision eines künstlichen, in großen Teilen ersetzbaren Körpers. Sicherlich hat Anvidalfarei mit einer Reihe der hier erwähnten Probleme nichts zu schaffen, aber seine Körpererfahrung ist aktuell. Sie ist geprägt von dem Leben eines Bauern und erzählt von der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Körper, der ihm zum Vorbild wird.
Nicht ohne Grund hab ich in der derzeit von mir in der Galleria d'Arte Moderna in Bologna kuratierten Ausstellung zur Geschichte des Aktes - seit dem Neoklassizismus im Streit zwischen Ideal und Wirklichkeit - Anvidalfareis Figur eines Mannes neben ein kleines Format eines weiblichen Aktes von Lucian Freud gestellt, um den Zusammenhang und die Nähe der ästhetischen Ideale zu dokumentieren.
Der Wotruba/Avramidis-Tradition, in der Anvidalfarei während seines Studiums aufwächst - er ist Avramidis-Schüler - verdankt er wenig - denn diese geht von der Form aus, die eine Abstraktion des Körpers anstrebt, ihn durch die Form transzendiert. Anvidalfarei macht den Betrachter durch sein Werk mit existentiellen Verhältnissen, elementaren Kategorien des Körperlichen selbst, der Schwerkraft, des intimen Körperbewusstseins vertraut. Avramidis klassische Formelhaftigkeit ist von der Säule inspiriert, auf die dieser aus Griechenland stammende Künstler den Körper des Menschen bezieht.
Den kühlen Ordnungen seines Lehrers stellt der in seiner bäuerlichen Doppelexistenz lebende Künstler, authentisch wie er ist und mit einer belastbaren Identität ausgestattet, seine schweren Figuren entgegen. Diese Figuren sind nicht klassisch, sie sind jedoch streng in dem Sinne, als sie das bereits bestehende Erfahrungspotential zu vermitteln vermögen. Die Bronze ist belebt, das scheinbar Unförmige, das jedem, vor allem realen Körper ebenfalls eigen ist, wird „Form".
Anvidalfarei entstammt einer religiösen, katholischen Tradition. Gerade in der Art und Aktualisierung von religiösen Themen liegt für viele Bildhauer eine Möglichkeit, mit größeren Aufträgen zu arbeiten. Der Konflikt mit dem Auftraggeber ist dabei jedoch bereits oft vorprogrammiert.
Die Zeichnung ist das zweite wichtige und autonome Medium dieses Bildhauers. Wenn ich von Autonomie spreche, so meine ich, dass die Zeichnungen nicht als Vorzeichnungen für Skulpturen dienen, sondern direkt vor dem Modell (mit dem Modell) entstehen, die Schwere der Glieder durch kühne Perspektiven verstärkend. Hier kommt die Sprache des Körpers stärker zum Tragen, die Spannungen der Außenkonturen, die ihn gegen den Raum begrenzen, den er verdrängt. Durch die große Nähe des Modells zum Künstler erreicht Anvidalfarei eine bestürzende Intimität im realen Sinne. Manieristische Verkürzungen wirken mächtig, sprechen von der Präsenz des Körpers, der oft nur in wenigen Linien gefasst wird.
Anvidalfarei hat den nackten Körper nie stilisiert, sondern mit äußerster Klarheit gesehen. Wie Hodler, der seine Geliebte am Sterbebett, ja beim Vorgang des Sterbens zeichnend begleitet hat, hat dies Anvidalfarei im Fall seines Vaters getan, der ihm den Hof übertrug, ihn derart zu der seltenen Kombination zweier Berufungen zwingend. Die erwähnten Todesbilder kennen wir im übrigen auch von Gotthard Bonell, der so wie Anvidalfarei von seinem Vater Abschied nahm. Die Serie dieser Köpfe, des Todeskampfes, eines Schrumpfungsprozesses, des Wechsels von geisterfülltem Leben zur Todesstarre, veranschaulicht, worum es Anvidalfarei in seinem Werk geht: Es geht ihm um die drastische Selbstbehauptung des Leiblichen.
Das Atmen, die Spannung, die Aufhebung der erdgebundenen Schwerkraft und Schwere durch Leichtigkeit, die beredte Sprache der Gliedmaßen, das sind Qualitäten, die dieser Künstler in einer mit keinem anderen Zeitgenossen vergleichbaren Weise zu vermitteln vermag.
Es ist so, dass die Erfahrungen des bäuerlichen Lebens - ohne es zu romantisieren - dies ist in der Geschichte der Kunst allzu oft geschehen - die künstlerische Existenz beeinflussen.
Anvidalfarei kennt neben den Figuren in Lebensgröße auch Fragmente, Bozetti und Torsi. Der Torso als Kunstform entstammt der Auseinandersetzung mit den antiken Funden, die nur in beschädigter Form auf uns gekommen sind und eine neue ästhetische Kategorie des essentiellen Körpers geschaffen haben. Gerade die zahlreichen Kriegsnachrichten, mit denen wir heute konfrontiert werden, berichten von der Zerstörung des Körpers, die sich auch in den Relikten dieses Künstlers spiegelt.
Andere Fragmente etwa die Fuß- und Handformen erinnern den Betrachter an Relikte. Zum anderen lassen sich auch Querverbindungen zu Reliquiarien ziehen.
Die Haut seiner Figuren ist gespannt wie die Haut eines gut genährten, lebendigen Kalbes, wie die Haut einer gemächlich verdauenden Kuh. Anvidalfarei bringt auf eine sehr intensive Weise Erfahrungen seiner bäuerlichen Existenz in diese Anschauung vom Menschen ein.
Anvidalfarei nimmt Maß am eigenen Körper, überträgt auf eine fast schmerzhafte Weise die Erfahrung des eigenen Körpers, der Ausdrucksmittel für sensibelste Regungen werden kann, auf die Skulptur, die der Betrachter verinnerlicht.
Ist der Künstler oft sein eigenes Modell und begegnen wir seinem Prototyp immer wieder, so sind die nächsten ihn umgebenden Personen Modelle (auch Aktmodelle), die sich ihm zur Verfügung stellen. Die lebensgroßen Figuren begegnen dem Betrachter. Er wird durch diese Körperlichkeit berührt.
Es ist der Leib, mit dem sich dieser ladinische Künstler auseinandersetzt. Nicht nur auf Grund seiner Doppelexistenz, die ja zu einer gegenseitigen Beeinflussung führt, ist er außerordentlich, sondern sein Beitrag liegt auch darin, dass er diesen Themen, die in der Kunst der Gegenwart einen hohen Stellenwert besitzen, eine neue, unverwechselbare Seite abgewinnt.
Prof. Peter Weiermair | Direktor der Galleria d'Arte Modema, Bologna